prosumer culture(s)
Prolog: prosumer culture(s)
interfiction XIII/2006
prosumer culture(s)
DIY-Produktion in einer Arena des Konsums
Der Begriff "prosumer" bezeichnet Personen, die gleichzeitig "Verbraucher" (engl.: "consumer") sowie "Hersteller" (engl.: "producer") des von ihnen Verwendeten sind. 1980 von dem amerikanischen Schriftsteller und Futurologen Alvin Toffler in seinem Buch "The Third Wave" als Teil einer positiven Utopie für die Technokultur des 21. Jahrhunderts eingeführt, scheinen die "prosumer" mittlerweile tatsächlich in der Gegenwart angekommen zu sein.
Fragt sich nur, wie die Realität (in) einer "prosumer culture" aussieht:
Wie funktioniert DIY( = Do-It-Yourself)-Produktion in einer Arena des Konsums?
Feststellen lässt sich jedenfalls vorab: DIY hat Konjunktur - und zwar auf allen (Medien-)Kanälen.
Magazine wie Make! oder ReadyMade sind ebenso beliebt wie die klassischen "Wie funktioniert das"-Bücher und "Mach-es-(Dir)-selbst"-Ratgeber, gleiches gilt für deren Nachfolger im Netz, zu denen sich DIY-Foren für alles und jeden gesellen; BaumärkteKoch- und Bastelkurse, und auf den Privatsendern gibt es reichlich Sendungen für HeimwerkerInnen jeder Fasson: Vom Kinderspielzeug bis zum kompletten Hausbau ist alles drin, "Pimp my Car" nicht zu vergessen. Letzteres erledigen zwar in der Regel noch andere und das in Dimensionen, die für Otto Normalschrauber etwas außer Reichweite liegen dürften. boomen ebenso wie
Doch der interessiert sich vielleicht längst viel mehr dafür, wie er seinen Computer tunenHardware Hacking längst als Breitensport beitreiben, in Game Boy-Orchestern spielen und selbstgemachte Musik in eigenen Netzlabeln publizieren. Models, die sonst von grossen Modemarken mit standesgemäßem Schmuck ausstaffiert werden, präsentieren stolz ihre selbstgefädelten Perlenkettchen - und wer ernsthafter ins Gewerbe einsteigen will, bietet seine Produkte über Plattformen wie etsy.com an. Nicht zuletzt dank der im Zuge der so genannten "Hartz-Reformen" eingeführten "Ich AGs" sprießen aber auch vor Ort allenthalben Boutiquen und Lädchen aus dem Boden, in denen Selbstgenähtes, -behäkeltes und -besticktes, -geschreinertes und -eingekochtes an Mann und Frau gebracht werden sollen. Vorzugsweise natürlich an solche, die ihrerseits über stressige Jobs mit guten Verdiensten verfügen, nur leider keine Zeit zum Selbermachen haben. Arme reiche KonsumentInnen?
Praktisch, das sich auf diese Weise zugleich ein altes Problem der klassischen Klassengesellschaft quasi von selbst zu lösen scheint: The Devil Finds Work For Idle Hands - wer hingegen fleißig werkelt, kommt gar nicht erst auf den dummen Gedanken, aktiv etwas an den Verhältnissen ändern zu wollen. oder aus seinem allzu schnell dahingeschiedenen LCD-Display etwas Neues machen kann - während die Kids
Was allerdings tatkräftig verändert wird, sind vorgefertigte Konsumartikel. Ob das damit zu tun hat, dass die scheinbare Vielfalt an Gütern in deutlich unterscheidbare Segmente zerfällt: Auf der einen Seite Billigproduktion en masse - auf der anderen Qualitätsware und "individueller Zuschnitt", die für die meisten jedoch weitgehend unerschwinglich bleiben? Wenn nicht gleich kreative Selbstbeteilung, so doch immerhin das gute Gefühl, aktiv mitmachen zu dürfen, ist mitunter immerhin schon recht günstig zu haben: Ein Teil der industriellen Massenproduktion, und zwar die Endmontage, wird nämlich sowieso gern an den Kunden "outgesourct", damit dieser neben dem Zeitvertreib auch wieder Lebensinn am Produkt entwickeln kann. "Entdecke die Möglichkeiten": Vor "Wohnst Du noch oder lebst Du schon?" kommt "Schraubst Du noch oder wohnst Du schon?"
Dass DIY-Elemente dabei Distinktionsgewinn verschaffen können, hat ansonsten auch die Industrie längst erkannt. Customize it! heisst hier die Lösung. Dieses Motto wird seit einiger Zeit bevorzugt von Turnschuh-, T Shirt- und Gadget-Herstellern ausgegeben, um ihre Produkte umso einträglicher an Mann und Frau zu bringen. Ware von der Stange wird dadurch lecker gemacht, dass sie - in einem streng begrenzten Rahmen natürlich - von den KäuferInnen "mitgestaltet" werden kann. Massenware erhält dadurch das Flair von Individualität und Exklusivität - anders als bei Editionen muss man aber nicht unbedingt teure DesignerInnen engagieren und erhöht zugleich die persönliche Kundenbindung.
Was Firmen erst in den letzten Jahren für sich entdeckt haben, ist in Jugend- und Subkulturen schon lange ein bewährtes Prinzip. Und zudem eines, das über die persönliche Aneignung hinaus auch ein breites Spektrum von Kreativität bis hin zu Kritik an und Subversion von Marken und deren Vermarktungsstrategien eröffnet.
In der Kombination von De-Customizing, Markenpersiflage, Copy Cat-Kultur, DIY und "Shopdropping" bzw. "Droplifting" sind hier neue Handlungsfelder zwischen Kommunikationsguerilla und Kunst entstanden.
A propos Kunst: Die hat zwar schon immer etwas mit Selbermachen zu tun - um dessen Ansehen war es im 20. Jahrhundert mindestens auf der rhetorischen Ebene eher prekär bestellt. Sieht man einmal davon ab, dass Duchamp seine Ready Mades in liebevoller Handarbeit perfektionierte und auch Andy "I want to be a machine" Warhol recht unermüdlich produktiv gewesen ist.
Mittlerweile wird jedoch allenthalben nicht nur (angeblich: "wieder") viel gemalt, sondern ebenso gern wie demonstrativ gebastelt. Und das gilt einmal mehr im Bereich der elektronischen Künste. Fast scheint es, als hätten die voluminösen, meist auf den Technik-Support potenter Hardwarefirmen und Software-Schmieden angewiesenen Installationen ausgedient - statt dessen stehen Computerschrott-Recycling, Hardware Hacking und Circuit Bending auf dem Programm, nicht selten werden ausgediente Apparate oder bereits im Sterben begriffene Medien, die der Handel längst ausgesondert hat, wiederbelebt. Regelmäßig geben sich Technikfreaks und kreative BastlerInnen auf dorkbot-Treffen ein Stelldichein.
Gleichwohl ist das DIY-Prinzip "in medias res" längst nicht mehr nur eine Sache von und für "people doing strange things with electricity". Vielmehr scheint sich mit dem Zauberwort Web 2.0 die gesamte Netzkultur in eine "prosumer culture" verwandeln zu sollen: Ob nun im firmeneigenen CMS, über das ominpräsente Blogging, dessen Spektrum vom öffentlich geführten Tagebuch über gemeinsam gepflegte Ratgeber bis hin zu Magazinen zu allen möglichen Themen reicht - oder in entsprechenden Formaten, die neuerdings zunehmend eben auch von kommerzieller Seite angeboten werden. Netzzeitung, Podcasts, Netzlabel, Vlogs und Web-TV: Das alles gibt es also und zwar auf jedem Niveau, von hausgemacht bis hochprofessionell bei schwindendem Gefälle. Fast könnte man meinen, das alte Versprechen der Pionierjahre - "Wir sind das Netz" - werde nun tatsächlich Realität.
Allerdings doch unter etwas anderen Vorzeichen: Denn Konsumieren und Produzieren können hier noch mal ganz anders Hand in Hand gehen - beispielsweise so: Wir stellen Dir den Supermarkt hin und verwalten die Kasse - Du schaffst die Waren heran und kaufst sie anschließend auch. Eben ganz ähnlich, wie eBay, amazon marketplace und andere bereits jetzt als Umschlagplätze für Gebrauchtartikel erfolgreich funktionieren. Wird das die Zukunft von flickr.com und YouTube.com sein? Ein Web 2.0 aus Vermarktungscommunities, die das vormals ausgerufene "Hier bloggt der Chef" Schnee von gestern sein lassen - weil nämlich Du diesen Job noch viel besser und billiger erledigen wirst: Verkauf's Dir selbst?
Oder ist es nur Zufall, dass diese Formate breite Zustimmung erfahren - während alternativen Medienprojekten oder gar einer gemeinschaftlich gepflegten Wissensallmende wie die Wikipedia vorzugsweise mit lautstarker Kritik begegnet wird?
Was also bedeutet es eigentlich, wenn wir alle zu "prosumern" werden?
Das eingelöste Glücksversprechen einer Vita Activa, eines selbstbestimmten tätigen Lebens? Doch was, wenn sich das dann tatsächlich nur im Konsum erfüllt?
Haben diejenigen, die unermüdlich "content" produzieren und publizieren, eine Medienrevolution initiiert? Oder doch nur den kreativen Imperativ zu tief internalisiert, um noch zu merken, dass sie eigentlich funktionieren wie Hamster im Rad - mit dessen Bereitstellung andere gutes Geld verdienen?
Schliessen sich die Produktionskreisläufe auf wundersame Weise um einen selbst produzierenden und selbst produzierten Konsumenten - der die Bausteinen für sein DIY-Ich von allerlei emsigen Zulieferern erhält und die Bauanleitung gleich dazu?
Stellt Web 2.0 nun die Netzversion der protestantischen Arbeitsethik dar? Oder eine Neuauflage der Self-Made(-Man)-Ideologie?
Oder geht es hier um einen "dritten Weg" - eine neue DIY-Kultur in einer Arena des Kosums, die sich derzeit nicht nur im Netz, sondern in vielen Lebensbereichen etabliert? Wäre die "prosumer culture" dann am Ende vielleicht doch eine ideale Möglichkeit, jenseits weltferner Askese wortwörtlich sein eigenes Ding zu machen - und damit ziemlich zufrieden zu sein?
Sieht ganz so aus, als würden wir das noch herausfinden müssen...
Verena Kuni http://www.kuni.org/v/
interfiction 06 - prolog - prosumers culture(s)
prosumer secondo Antonio Sofi su apogeonline
un prosumer con la testa tra le nuvole... l'uomo del futuro? Un prosumer che legge un e-book, collegato Wi-Fi, abbracciando un cuscino o rimirando le nuvole










